Meine Geschichte

Ich ging ganz normal in die Realschule. Der Vorteil war, dass mein Vater an der gleichen Schule Physik, Mathematik, Musik und ITG unterrichtete, was sich später als Nachteil herausstellte, denn die Mitschüler dachten, dass ich dadurch bevorzugt werden würde, die Lehrer mit du anredete und sie deshalb meine Noten verbessern würden. Dort beendete ich die 5., 6. und die 7. Klasse. Die 7. Klasse schloss ich sehr erfolgreich mit einem Buchgutscheinpreis ab. Eine Lehrerin wollte mich mit einer Mitschülerin, der Tochter eines Arztes, auf das Gymnasium schicken. Meine Eltern hatten etwas dagegen. Da begann der Druck in mir mehr und mehr zu wachsen. In der 8. Klasse ging es mir psychisch immer schlechter. Ich bekam durch meinen Perfektionismus in der Schule eine Zwangsneurose. Ich hatte einen Waschzwang. Außerdem fuhr ich in der Schule die Wörter und Zahlen ein paar Mal nach, bis Löcher entstanden. Durch die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen verlor ich immer mehr den Anschluss in der Schule, konnte die Hausaufgaben nur noch mit Zwangshandlungen machen; meine Noten wurden immer schlechter, ich bekam den Unterrichtsstoff nicht mehr ganz mit und wurde, weil ich psychische Probleme hatte, von meinen Mitschülern gehänselt.

Da beschlossen meine Eltern eine Psychologin zu Rate zu ziehen. Es war eine liebe, ältere Frau. Also ging ich zweimal in der Woche immer nach der Schule zu ihr. Wir verstanden uns auf Anhieb gut. Einmal hatten wir Physik. Der Lehrer nahm mich immer dran, obwohl ich mich nicht meldete. Ich sagte immer die falsche Antwort und die anderen Mitschüler lachten mich aus. Ich war müde in der Schule und fand Physik nicht interessant. Als dann der Schulgong ertönte, freute ich mich. Nach der Schule hatte ich einen Termin bei meiner Psychologin. Sie redete, spielte und malte mit mir. Die Psychologin arbeitete eng zusammen mit einem Psychiater aus Schwäbisch Gmünd. Er verschrieb mir Anafranil, das gegen den depressiven Zustand und die Zwänge wirken sollte. So ging das Leben weiter, weil es weitergehen musste. Das Mobbing in der Schule durch meine Mitschüler nahm zu und ich beschloss eines Tages, nicht mehr zur Schule zu gehen.

Die Psychologin war sich sicher, dass ich die Diagnose Schizophrenie hatte, kontaktierte den damaligen Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie und vereinbarte einen Termin. Ich war damals vierzehn Jahre alt. Meine Eltern und ich fuhren nach Tübingen. Im Zimmer des Psychiatrieleiters war ein Foto seiner Frau. Ich fragte spaßeshalber, ob das Jon Bon Jovi auf dem Foto sei. Er bekam das natürlich doppelt in den falschen Hals, weil ich einerseits seine Frau beleidigt hatte und er der Meinung war, dass ich eine Psychose habe, weil ich auf so eine Idee gekommen war. Auf jeden Fall diagnostizierte er nach dem Gespräch eine angehende Magersucht, weil ich damals so dünn war und eine Schulphobie hatte. Ich ging aus Angst vor dem Mobbing der Mitschüler nicht mehr in die Schule. Der Leiter der Psychiatrie ließ mir die Wahl eine Tablette zu nehmen, die die Schulangst nehmen würde, oder stationär aufgenommen zu werden. Ich weigerte mich, die Tablette zu nehmen und entschied mich mit hängendem Kopf für die stationäre Aufnahme in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Wartezeit betrug ca. 4 Wochen. Ich war traurig, weil ich weg musste von Zuhause. Ich genoss aber gleichzeitig die 4 Wochen, als ich noch zuhause wohnte. Mein Vater und ich fuhren oft nach Münsingen zum Drogeriemarkt Müller und ich bekam eine Kleinigkeit geschenkt. Für den Winter bekam ich eine dunkelblaue Jacke und braune Wildlederschuhe, auf denen auf der Seite ein bunter Fasan eingestickt war.

Nach ca. 4 Wochen fuhren meine Eltern und ich nach Tübingen. Mein Vater parkte im Parkhaus in der Nähe der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Daneben befand sich die Erwachsenenpsychiatrie in der Osianderstraße. Ich bekam einen Arzt und zwei Bezugspersonen, einen jungen Mann und eine junge Frau. Nach dem Anfangsgespräch begleitete mich die Frau in mein Zimmer und half mir meine Kleider in den Schrank zu räumen und die restlichen Sachen auszupacken. Es war noch ein Mädchen in meinem Zimmer. Es war ein Drei-Bett-Zimmer. Sie teilte mit mir das Zimmer. Nach ein paar Wochen kamen das Mädchen und ich in ein Zwei-Bett-Zimmer. Es ging lange Zeit gut, bis das Mädchen anfing mit Flaschen zu werfen. Sie hatte meiner Meinung nach eine Psychose. Das hat mich angesteckt und ich warf auch mit Glasflaschen. Als ich dann immer wieder äußerte, dass ich nicht mehr wüsste, wer ich bin und wo ich sei, vermuteten die Fachleute von der Psychiatrie, dass ich eine Psychose hätte und fremdgefährdend sei, weil ich mit Glasflaschen warf. Ich bekam Bedarfsmedikamente und eine 1 zu 1 Betreuung. Mein Bezugsbetreuer setzte sich eines Abends zu mir ans Bett und schrieb seinen Tagesbericht in die Akten. Meine Bezugsbetreuerin las mir eine Geschichte vor. Aber es half alles nichts, denn ich musste in ein Einzelzimmer. Außerdem wurden meine Medikamente auf Haldol, Akineton, Melleril und Taxilan umgestellt. Der Arzt, der für mich zuständig war, las mir die Nebenwirkungen von dem Medikament Haldol vor. Das war ein Fehler, denn ich bekam danach die Nebenwirkungen, die in der Packungsbeilage standen. Trotz Akineton, welches gegen die Nebenwirkungen war, starrte ich ständig an die Decke und bekam meinen Kopf nicht mehr gerade. Eine liebe Betreuerin half mir, indem sie meinen Kopf hielt und mich liebevoll zudeckte.

Im Frühjahr stabilisierte sich mein Zustand, das Haldol und die anderen Medikamente wurden reduziert. Außerdem war ich nicht mehr nur für mich in dem Einzelzimmer, sondern beschäftigte mich auch mit den anderen Jugendlichen. Wir redeten und spielten Karten. Im Sommer wurde ich entlassen. Ich war insgesamt ein dreiviertel Jahr dort stationär untergebracht. Danach lebte ich wieder zuhause und bekam Privatunterricht, weil die Schulangst noch nicht ganz weg war. Später ging ich wieder zur Schule. Ich war etwa ein Jahr Zuhause.

Danach kam ich nach Freiburg wegen meiner Zwangserkrankung. Dort hat es mir gefallen, weil viele Aktivitäten angeboten wurden: Sport und Spaziergänge, Kochen und Werken. Ich hatte eine männliche und weibliche Bezugsperson. Ich war ca. ein viertel Jahr in Freiburg. Damals war ich 15. Danach kam ich in die Psychiatrie nach Würzburg. In dieser Klinik wollte man mir ebenfalls wegen meiner Zwangserkrankung helfen und ich kam gleich anschließend in ein Heim. Dort war ich 2 Jahre untergebracht. Ich hätte dort auch noch länger bleiben können, aber ich hatte so sehr Heimweh. Zu diesem Zeitpunkt war ich 18.

Danach lebte ich wieder Zuhause und mit 19 kam ich erneut nach Tübingen in die Jugendpsychiatrie zur Krisenintervention.

Mit 20 machte ich dann den Realschulabschluß an der Abendrealschule Göppingen nach. Das dauerte zwei Schuljahre. Ich hatte dort sehr viele Freunde, aber habe drei Anläufe gebraucht, um eine Ausbildung zu absolvieren. Zwei Ausbildungsversuche in Esslingen und einen Ausbildungsversuch in Stuttgart. Aber wegen meiner Eifersucht scheiterten alle drei. Dann kamen ca. 10 Psychiatrieaufenthalte in Nürtingen und zwei Aufenthalte in Tübingen zur Krisenintervention. Bei einem Aufenthalt lernte ich meinen heutigen Schatz kennen. Damals war er sehr abweisend zu mir. Dann kamen wieder ca. 10 kurze Aufenthalte in Nürtingen. Wegen vermehrter aggressiver Ausbrüche entschieden Fachleute, dass ich eine Frau vom Sozialpsychiatrischen Dienst zur Seite bekam. Sie sollte mit mir ein geeignetes Heim suchen. Aber auch diese Frau hatte unter meinen aggressiven Ausbrüchen zu leiden. Sie bemühte sich trotzdem, dass ich in der Bruderhausdiakonie in Reutlingen einen Platz bekam. Dort kam es wieder zu aggressiven Ausbrüchen gegenüber einem Betreuer, so dass ich rausgeschmissen wurde. Die Frau vom Sozialpsychiatrischen Dienst sagte zu mir, ich solle mich nicht rausschmeißen lassen. Mein Vater wollte mich gleich in die Psychiatrie fahren, aber ich bat ihn zu warten.

Zuhause angekommen, versuchte mein Vater immer wieder, dass mich die Bruderhausdiakonie erneut aufnehmen sollte. Doch sie waren dazu nicht bereit. Daraufhin riss ich meinem Vater Haare aus, meine Mutter hatte das gesehen und rief sofort den Krankenwagen. Ich war verzweifelt und bat meinen Vater dies rückgängig zu machen, aber da standen die Sanitäter und die Polizei bereits vor der Tür. Mein Vater versprach mir, statt Nürtingen nach Tübingen zu kommen, aber das fiel nicht in den Zuständigkeitsbereich von Tübingen. Die Sanitäter fuhren dann nach Nürtingen und meine Eltern fuhren hinterher. Ich kam auf die geschlossene und drehte fast durch. Meine Eltern kamen dann auch, aber nicht zur mir, sondern zu einem Gespräch mit dem Oberarzt und der Stationsärztin. Weil ich so erregt war, durfte ich nicht dabei sein. Sie entschieden, dass ich eine gesetzliche Betreuerin bekam und mein Vater das Amt des Betreuers aufgab. Außerdem war im Gespräch, dass ich richterlich 4 Wochen untergebracht werden sollte. Ich redete später mit der Stationsärztin und sie machte mir einen Kompromiss, dass ich 2 Wochen freiwillig geblieben bin. Ich bekam ein schönes Zimmer mit Dusche. Danach war ich noch einige Monate Zuhause und wurde im Samariterstift Grafeneck aufgenommen. Dort lebe ich heute noch.